1. Fragestellung
Die Seele gilt in der Philosophie des Westens seit jeher als Bindeglied zwischen der Relativität der körperlichen Welt und der Universalität des Geistes. Während die östliche Spiritualität traditionell die tiefe Erkenntnis des „einen Bewusstseins“ betonte, legte die abendländische Spiritualität ihre Ausrichtung meist auf die Entwicklung der Seele. In vielen Traditionen bildet die Seele den Anknüpfungspunkt und Entfaltungsraum aller Bemühungen des Menschen, sich zu einem größeren Ganzen hin zu entwickeln. Alle spirituelle Arbeit an sich selbst nimmt hier ihren Ausgang und findet auch hier ihre Herausforderungen wie z. B. Anhaftungen, Schatten, persönliche und biographische Probleme.
Dabei treten spannende Fragen auf: Bildet die Seele während der Entwicklung zum Geist nur eine zu überwindende, begrenzte Stufe oder entwickelt sie sich auch selbst? Hat ihre individualisierende Funktion vielleicht auch eine tiefere Bedeutung für die Evolution des Kosmos?
2. Ausgangspunkte:
Die drei Hauptinitiatoren der Herbstakademie sehen hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der Richtungen, in denen sie verwurzelt sind:
- In der Anthroposophie Rudolf Steiners, die ebenso an die europäische Philosophie (Aristoteles, Brentano) wie auch an die vedische Philosophie anknüpft, hat die einzelne Individualität und mit ihr die Seele einen hohen Stellenwert. Sie wird in ihrem Potenzial als evolutionärer Umschlagspunkt gesehen: Die individualisierte "Geist-Seele" kann mehr als nur ein einzigartiger Ausdruck des Einen werden, vielmehr das Eine in einer so noch nie dagewesenen Form realisieren.
- Im Umkreis des integralen Ansatzes von Ken Wilber werden die verschiedenen Dimensionen unseres Seins und ihre jeweiligen Identitäten gewürdigt: das Ego im grobstofflichen Bereich, die Seele im subtilen Bereich, das SELBST im kausalen Bereich und die SOHEIT in der Nondualität. Als verkörperte Menschen haben wir die Möglichkeit, alle diese Selbste zu verwirklichen – d. h. in allen diesen Welten zu Hause zu sein, ohne mit einer davon ausschließlich identifiziert zu sein. Als einzigartiges Selbst oder "Unique Self" können wir auf dem Weg der Befreiung das unpersönliche EINE durch unsere ganz besondere Persönlichkeit ausdrücken.
- Andrew Cohens "Evolutionary Enlightenment" betont das Individuum als einen potenziellen Träger des überpersönlichen, evolutionären Impulses. Die Seele ist hier unsere persönliche Fähigkeit für Integrität, Transparenz, Gewissen, Güte und Liebe, die es uns erlaubt, ein individueller Ausdruck des Ganzen zu werden. Unser Authentisches Selbst ist das eine Werden des Universums.
3. Erfahrungsaustausch:
In unseren Ansätzen wird das Verhältnis des Individuellen, der Seele und des Einen Bewusstseins unterschiedlich gewichtet. Daraus ergeben sich verschiedene Formen der spirituellen und sozialen Praxis. Aber unsere Ansätze teilen den gleichen Erfahrungsraum. Daraus ergibt sich eine äußerst fruchtbare Basis gemeinsamer Erkundungen:
Wie kann die Bedeutung dieses individuellen Selbstes gewürdigt werden, ohne in Ego-Betonung zurückzufallen? Welche philosophischen "Landkarten" und Instrumente gibt es zur Unterscheidung von Ego, Individuum und Geist?